Nach einer anstrengenden Sitzung kam ich zurück in mein Büro und schaute zum Fenster hinaus. Da sah ich eine kleine Katze in sich zusammen gesunken in einem meiner Blumenkistchen sitzen. Schutzsuchend drückte sie ihren Körper noch tiefer ins Kistchen und miaute mich dazu herzerweichend an. Wie sie so da sass wirkte sie auf mich verlassen, eingeschüchtert und durchfroren. Also öffnete ich das Fenster um sie hineinzulassen. Kaum war das Fenster einen Spalt offen erhob sie sich und liess sich in einem schweren Plums auf den Büroboden fallen. Mit steifen Gliedern trat sie sogleich langsam aber neugierig einen kleinen Rundgang durch verschiedene Räume an, kam dann jedoch kurz darauf in mein Büro zurück und hielt gezielt Ausschau nach einem kuscheligen Schlafplatz. Ihr Fell war zerzaust und wirkte struppig. Die Katze schien kaum mehr Energie zu haben, sich fortzubewegen, und wirkte sehr müde. Ich legte ihr meine Wolldecke auf dem Boden meines offenen Regals. Dankbar legte sie sich dort sofort zum Schlafen hin. Sie liess sich durch meine Geschäftigkeit nicht beeindrucken, sondern schlief einfach, Stunden lang. Am Abend machte ich mir Gedanken, was jetzt zu tun sei. Denn soviel hatte ich verstanden: es war klar, dass sie bleiben wollte. Meine Kollegin hatte sich unabhängig von mir die gleichen Gedanken gemacht. Kurz entschlossen organisierte sie Futter für das Tierchen. Wir berieten uns, ob wir wohl einfach das Fenster einen Spalt breit offen lassen sollten, damit sie gehen konnte, sobald sie ausgeschlafen hätte. Doch das konnte ich aus Sicherheitsgründen nicht. Zudem war mir da schon bewusst, dass sie keine Anstalten treffen würde zu gehen. Sie war einfach noch viel zu schwach und zu müde. Also nutzte ich die Zeit vor Ladenschluss, ihr eine Toilette und Streu zu besorgen, ihr einige Male zart über den Kopf zu streichen und eine gute Nacht zu wünschen mit der Versicherung, dass ich am nächsten Morgen wieder kommen würde. Am Morgen darauf schlief sie noch immer fest, als ich ins Büro kam. Sie erwachte dann kurz darauf und begrüsste mich sichtlich erfreut, indem sie aufstand und mir um die Beine schmeichelte. Bald schon zeigte sie mir Hunger. Also servierte ich ihr ein herrliches Katzenmenu, welches sie auch sofort verschlang. Damit war aber dann auch schon wieder genug der Bewegung. Gemütlich liess sie sich wieder auf der Decke nieder und schlief erneut zufrieden ein. Ein paar Tage vorher hatte ich meiner erwähnten Kollegin ein altes Katzen-Hängebett, welches sich am Heizungsradiator befestigen lässt, geschenkt. Da sie es noch im Büro hatte, brachten wir es jetzt bei meiner Heizung an. Die Katze liess sich nicht stören, sondern blieb eingeigelt auf der Wolldecke liegen. Später, nach einer weiteren kleinen Malzeit entdeckte sie das Hängebett und legte sich dort zufrieden hin. Meine Arbeitskolleginnen passten abwechslungsweise auf unseren Gast auf, während ich in einer Sitzung sass. Einige Stunden später hatte ich dann endlich Zeit und Raum, mich wieder um sie zu kümmern. Der Pflicht halber versuchte ich sie vor das Fenster zu setzen. Sie liess sich überhaupt nicht gern aufheben, fauchte mich mit ganzer Stimmkraft an und wehrte sich. Mein Eindruck bestätigte sich damit, dass es sie überhaupt nicht interessierte nachhause zu kommen. Dieses Nachhause zeigte sie mir zeitlich weiter weg, also steckte sie schon seit längerem in einer unsicheren Situation. Ich meldete ihr Auffinden darauf hin beim Tierrettungsdienst, obwohl ich sie ja wirklich am liebsten behalten hätte. Es war eine kleine, sicher ältere Kätzin, graugetigert mich weissem Bauch, Beinen und einem weissen Vorhang am Kopf. Ganz besonders waren ihre grossen kugelrunden Augen, die mich und die anderen voller Vertrauen liebevoll anblickten. Für meine Kollegin war fast sicher, dass die Kleine von einem fremden Ort, wo sie die Zeit während einer Ferienabwesenheit ihrer Besitzer verbrachte, geflohen war. Dies deckte sich mit meinem Eindruck. Als nächstes fuhr ich mit ihr zum nächst gelegenen Tierarzt, um zu untersuchen, ob sie einen Chip trug (obwohl ich „wusste“, dass sie keinen hatte). In der Zwischenzeit meldete sich ein Mann telefonisch in meinem Büro: die Katze seiner Freundin, die er seit über drei Wochen hüte, weil diese in den Ferien sei, sei vor vier Tagen wegen seiner Tochter geflüchtet und sie würde dringend Medikamente brauchen. Er habe soeben erfahren, dass ich eine Katze als gefunden gemeldete hatte, deren Beschreibung auf seine Katze zutrifft. Da er in der selben Strasse wohnte, war es sehr wahrscheinlich, dass es sich um seine vermisste Katze handelte. Der Mann kam am selben Abend völlig durcheinander und aus dem Häuschen zu uns ins Büro. Ja, es war seine Chicca! Erleichtert, das Tier wieder zu haben, drückte und streichelte er es. Die Katze reagierte gereizt, weil sie in ihrem Schlaf gestört wurde. Offensichtlich wollte sie einfach nur eins, Ruhe. Aus diesem Grund schlug ich dem Mann vor, Chicca noch einen Tag bei uns zu lassen, da sie sich ja sichtlich sehr wohl fühle und bei uns jetzt in Sicherheit sei. Dem stimmte er schliesslich zögernd zu, unsicher, ob er diese Wagnis eingehen konnte mit uns und versprach, noch ihre Medikamente vorbei zu bringen. (Übrigens hatte meine Kollegin mit ihrer Geschichte recht.) So kam es, dass Chicca noch eine zweite Nacht bei uns verbrachte. Nach dem Morgenessen wechselte sie ihren Standort und nistete sich auf der Arbeitstasche meiner Arbeitskollegin ein. Sie war an diesem Morgen schon etwas munterer, zitterte aber gelegentlich am ganzen Körper. Sie zeigte mir, dass ihr das Medikament nicht bekam. Meine Arbeitskollegin behandelte Chicca mit Rescue-Tropfen, welche die Katze offensichtlich beruhigten. Nach einem weiteren Tag mit viel Schlaf, holte der Mann Chicca dann ab, obwohl sie nach wie vor kein Interesse hatte zu gehen. Und wir Frauen im Büro auch nicht. Schweren Herzens liessen wir die beiden gehen. Ich hatte Chicca sofort ins Herz geschlossen… Nun zog er aber trotzdem mit ihr von dannen, nicht ohne uns ein grosses Dankeschön und grosszügiges Znünigeld zu hinterlassen. Das freute uns sehr, allerdings hatten wir ja noch so gerne geholfen! Der Mann versprach uns, uns mit Chicca, wenn sie sich erholt hat, zu besuchen. Dieses Versprechen hat er dann letzten Freitag eingelöst. Normaler Weise arbeite ich freitags nicht, kam aber wegen eines Klienten trotzdem ins Büro. Gott sei Dank, so habe ich den Besuch von Chicca dann voll miterlebt, als ich nach dem Gespräch zurück ins Büro kam. Chicca hatte sich sichtlich gut erholt, war wieder kräftig, gesund und wirkte zufrieden. Sie freute sich riesig wieder bei uns zu sein. Kaum sah sie mich kommen, lief sie sofort mit federndem Schritt und aufgestelltem Schwanz in mein Büro und liess sich nach einer kurzen Inspektion des Raumes auf ihrem „alten“ Bett nieder, um friedlich zu schlafen, wie wenn das das Normalste der Welt wäre. Zwei Stunden später holte sie der Mann dann wieder ab. Nun war es definitiv. Chicca ging aus unserem Leben zurück in ihr zuhause. Eine Begegnung, die mir enorm viel gebracht hat – gefühlsmässig aber auch geistig. Eine Freundschaft und Verbindung ist entstanden, die wohl auch über die Entfernung bestehen bleiben wird. Chicca hat ihren Platz in meinem Herz.

Sivlia Hubler

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