Tiere können unsere liebsten und treusten Begleiter sein. Tiere können aber noch viel mehr. Sie können auch unsere Lehrer sein. Fast täglich lerne ich wieder etwas durch meine Tierfamilie oder die Tiere in der freien Natur dazu.

Katzen sind sehr selbständige Wesen. 7 Katzen haben bisher mein Leben begleitet und keine war wie die andere. Anfänglich hielt ich meine Katzen aus lauter Sorge, dass ihnen etwas passieren könnte, im Hause. Aber nicht lange. Ich merkte schnell, wie ausgeglichener und zufriedener meine Hauskatzen wurden, wenn sie ihren Freilauf hatten. Aber die Sorge, dass meinen geliebten Katzen etwas geschehen könnte, hing stets wie eine dunkle Wolke über mir. Dass ich genau mit dieser Angst Unheil anziehen kann, war mir damals nicht bewusst.

Mit dem Einzug der vier Katzen aus dem Tierheim veränderte sich alles. Sie sind Geschwister, aber so unterschiedlich, dass es am Anfang eine echte Herausforderung für mich war, obwohl ich bereits auf 18 Jahre „Katzenerfahrung“ zurückblicken konnte.

Anja, eines der Mädchen, entpuppte sich als echte Wildkatze. Mit der Zeit merkte ich, dass dieses Wesen mein Seelenspiegel ist: Wenn es mir gut ging, ging es ihr auch gut und umgekehrt. Zu diesem Zeitpunkt war es für mich absolut unverständlich, wie ein Wesen glücklich sein konnte, wenn es ständig im Wald leben musste und sich im kalten Winter in einer Kiste draussen in Kälte verkroch, anstatt im warmen Bettchen in der Stube zu liegen. Probleme auf der Arbeit belasteten mich damals noch zusätzlich. Also ging es uns beiden mehrheitlich schlecht. Ich drehte wie ein Hamster im Rad und war völlig darauf fixiert, Anja „häuslich zu machen“, damit es ihr endlich besser geht. Auf der Arbeit waren meine Gedanken stets bei ihr. Kaum zu Hause suchte ich sie überall. Wenn ich sie ein paar Tage nicht gesehen hatte, wurden „Vermisstmeldungen“ in die Briefkästen verteilt. Ich war völlig in der Suche nach Anja gefangen.

So brachte mich Anja dazu, die Sprache der Tiere zu lernen. Ich lernte durch ihre Augen zu schauen. Anja hat mir gezeigt, wie glücklich sie im Wald ist (das bin ich übrigens auch) und dass sie ein eigenständiges Wesen ist, welches sein Leben selber bestimmen möchte. Sie lehrte mich, zu vertrauen, dass sie immer wieder nach Hause kommt, auch wenn es nur kurze Momente sind.

Sie führte mich in den Wald und zeigte mir damit, dass ich dort die Erholung für meine Seele und damit auch ihre Seele finde und sie lehrte mich, loslassen zu können. „Auch Tiere haben Schutzengel“, sagte sie mir eines Tages. Mit diesem Wissen konnte ich sogar die dunkle Sorgenwolke vertreiben.

Heute sehe ich Anja fast täglich, meistens aber nur aus der ferne. In der Nacht, wenn alle schlafen, schleicht sie sich ins Haus und holt sich ihr Futter. Auch damit zeigt sie mir ihr Dasein. Ihr und mir geht es jetzt gut, beide sind wir glücklich.

Wenn ich durch den Wald gehe und Anja plötzlich vor mir steht, ist Schmusen angesagt. Das ist dann unsere Zeit, nur unsere Zeit. Ich geniesse diese seltenen, dafür sehr intensiven Momente unserer weltlichen Verbundenheit sehr.

Ich danke dir meine liebste Anja, dass du mich so viel gelehrt hast.